Nicht mehr steif und fad: Leidenschaft und Humor in der Bibliothek

BEGEISTERUNG UND LEIDENSCHAFT

Kürzlich las ich einen Artikel über eine Benutzerumfrage. Darin wurde ein Benutzer zitiert, dem aufgefallen war, daß er noch nie in seinem Leben einen begeisterten Auskunftsbibliothekar getroffen hatte. Warum eigentlich nicht? Studenten spüren das Engagement des Bibliothekars für das gerade vorliegende Thema und reagieren entsprechend. Sind es Bibliotheken und die endlosen Entdeckungen, die in ihren Beständen möglich sind, etwa nicht wert, daß man begeistert und mit Leib und Seele dabei ist? Problematisch ist es nur, diese Leidenschaft auf Studenten zu übertragen, für die der Bibliotheksunterricht nur eine weitere Vorlesung ist und dazu sogar noch - wie schrecklich! - ohne Möglichkeit, Punkte und Titel zu erreichen oder Professoren zu beeindrucken. Außerdem gibt es ja auch noch das ganze verführerische Studentenleben ringsumher: Parties, Rugbywettkämpfe und dieses endlose Band der menschlichen Beziehungen. Was kann so ein Bibliothekar also vermutlich schon in so einem Seminar sagen - über den reinen Inhalt hinaus? Wir wissen ja alle, daß die Studenten sich nicht merken, was die Taste F2 in einer bestimmten Datenbank bedeutet, aber wir sollten auch wissen, daß sie empfänglich für Ideen und Einstellungen sind. Bibliotheken enthalten Ideen - Millionen von Ideen -, und unsere Leidenschaft für diese Ideen paßt gut zu dem eigentlichen Grund ihrer universitären Ausbildung. Alles in allem: warum sind die Studenten denn hier, wenn nicht um zu lernen, wie ein Soziologe zu denken oder ein Biologe, ein Musiker oder ein Volkswirtschaftler, oder wie ein - darf ich es sagen - Bibliothekar?

In all diesen wundervollen Aufsätzen über effizienten Unterricht, aktives Lernen und kritisches Denken werden Leidenschaft und Begeisterung selten erwähnt. Dabei bemerken die Studenten schnell, ob ein Lehrer engagiert ist oder nicht. Ich frage sie oft, was einen guten Lehrer ausmacht und ihre Antworten sind sehr bezeichnend: Ein guter Lehrer mag, was er tut, und er mag seine Studenten. Seine intellektuelle Begeisterung verpufft nicht, sondern wird von den Studenten widergespiegelt.

HUMOR

Humor ist ein wunderbares Transportmittel für die schmerzlose Übertragung von Information. Wenn wir für einen Moment aus unserer Rolle als Bibliothekar aussteigen könnten, würden Bibliotheken vielleicht auf einmal sehr absurd aussehen. Warum kann nicht ein Rechner alle Informationen enthalten, die ein Student für seine Arbeiten braucht? Warum werden amtliche Veröffentlichungen nicht auf denselben Regalen mit demselben Klassifikationssystem aufgestellt wie die anderen Bücher? Warum verwenden öffentliche Bibliotheken Ziffern, um ihre Bestände zu ordnen und wissenschaftliche Bibliotheken Buchstaben? Warum kann ich mich nicht an einen PC setzen und eingeben: Erzähle mir bitte alles, was ich über Gustav Mahler wissen muß! Warum können Bibliothekare nicht witzig sein (besonders wenn sie selbst so oft das Ziel von Witzen sind)?

Nicht-gewollte Treffer stellen bei Datenbankrecherchen einen leichten und effektiven Weg dar, die Aufmerksamkeit der Studenten zu erreichen und zu zeigen, daß Computer nicht denken können. Mein Lieblingsbeispiel ist der Cherokee-Fall. Ein Student sollte Zeitungsartikel über Cherokee-Indianer finden, und das einzige, was wir gefunden haben, waren Artikel über den Cherokee-Jeep von Chrysler! Für gewöhnlich will ich dabei nicht nur beweisen, daß Computer nicht denken und das gedankliche Umfeld erkennen können, sondern auch, daß ich die Suchanfrage nicht bis zum Ende durchdacht hatte: Ich war es, der den Fehler gemacht hatte, aber es war ok und dann korrigierte ich die Anfrage. Einfache Problemlösung - mit Humor dargestellt - kann die Kraft der Sprache und der Wörter in einer Maschinenumwelt beweisen, wo Computer auf Buchstabenketten reagieren und der Verstand des Menschen auf Bedeutungen, Anspielungen und Zusammenhänge.

BEZIEHUNGEN UND GEMEINSCHAFT

An meiner ersten Arbeitsstelle war die Bibliothek und ihre Mitarbeiter ein integraler Bestandteil der Universität. Nahezu alle Seminare enthielten auch eine Bibliothekseinführung, die direkt auf das jeweilige Kursthema zugeschnitten war. Der Bibliotheksdirektor war Leiter einer Diskussionsgruppe und ein anderer Bibliothekar führte eine Studienreise nach Schottland durch. Wir dachten, daß diese Integration der Bibliothek mit der Fakultät und dem Campusleben normal wäre, aber erst nachdem ich die Universität wechselte, verstand ich, daß dies für akademische Bibliotheken völlig unnormal war. Mein Bestreben war es deshalb immer, dieses Modell - so gut es geht - auch an anderen Institutionen zu verwirklichen.

Lernen ist mehr als das, was in einem Klassenzimmer vermittelt wird. Was man mit sich nimmt, ist nicht der spezielle Inhalt der Information, sondern der Prozess, der Bezug und die emotionelle Teilnahme für die Menschen sowie die Leidenschaft für das intellektuelle Engagement. Als Bibliothekarin habe ich nicht nur in der Bibliothek gearbeitet, sondern bin auch oft zu den lehrenden Fakultätsmitgliedern gegangen. Ich habe an verschiedenen Komitees und Besprechungen teilgenommen und gemeinsame Aufgaben bearbeitet. Es ist dabei natürlich sehr hilfreich gewesen, wenn die Bibliothek einen Fakultätsstatus hatte. Dies habe ich auch an anderen Arbeitsstellen versucht, auch weil ich wußte, daß die enge Verbindung zu anderen Bereichen der Universität aus mir eine bessere Bibliothekarin gemacht hat.

Vor drei Jahre hat man mich gebeten, bei der Beratung von Studienanfängern mitzuwirken. Einige der Studenten hatten mich vorgeschlagen. Nun mußte ich mich in eine völlig neue Welt einarbeiten: Lerninhalte, Benotungen, Ausbildungsanforderungen und eine Menge wirklich total anderer Dinge, wie z.B Eltern, Rauschmittel und Depressionen. Ich lernte das Leben auf dem Campus aus einem total anderen Blickwinkel kennen. Dabei wurde mir immer klarer, was für eine infinitesimale Rolle die Bibliothek im Leben der Studenten spielt. Die wöchentlichen Kolloquien über solche weltlichen Themen wie Studiengewohnheiten, Zeitmanagement, Alkohol, Verschiedenheit und liberale Ausbildung ließen mich über all die Dinge nachdenken, die Studenten beschäftigen.

Die Teilnahme an solchen Kolloquien und anderen Fakultätskomitees ist zwar sehr zeitraubend, stellt aber eine Tätigkeit dar, die mir immer viel gebracht hat, sei es, daß ich eine Menge über die Fakultät gelernt habe oder die Bibliothek und ihre Aufgaben aus einem frischen und unverbrauchten Blickwinkel wahrnehmen konnte. Gleichzeitig bekamen meine Kollegen mit, was die Bibliothek eigentlich macht (darüber wundern sich die meisten sowieso). Auf einer Komiteebesprechung habe ich einmal eine Studentin gefragt, wie weit ihr Forschungsprojekt fortgeschritten wäre. Diese Studentin war sehr erfreut über mein Interesse und die darauf folgende Diskussion und konstatierte erstaunt, daß ihr noch nie zuvor eine Bibliothekarin eine solche Frage gestellt hatte.

STUDENTEN

Ich mag Studenten. Das erscheint zu einfach, um wahr zu sein, doch es paßt zu den oben gemachten Bemerkungen über Beziehungen und Gemeinschaft. Ich arbeite hier nicht wegen der Bibliothek, ihres Bestandes oder wegen des World Wide Web. Ich arbeite in der Bibliothek wegen der Freude, die es mir bereitet, wenn ich Studenten im Alter von 18 bis 66 mit Informationen in Verbindung bringen kann. Ich finde ihre Energien und Ideen originell und respektiere sie. Sie wissen mehr als wir glauben und bringen oft ganz neue und erfrischende Gesichtspunkte in ein Seminar oder in ein Gespräch an der Auskunftstheke ein.

Wenn ich unterrichte, stelle ich meist offene Fragen über das, was wir gerade tun. Anstatt zu erzählen, was ich auf dem Bildschirm sehe, frage ich sie, was sie da sehen und was davon wichtig für ihre Forschung und Studien ist. Dann warte ich. Sie kommen dann immer mit irgendwelchen Ideen. Ich betone, daß es keinen allgemeingültigen Weg gibt, in der Forschung weiterzukommen, und daß Maschinen kniffelig sind, genau wie Themen. In jedem Kurs bevorzuge ich es, für die Demonstration eines von ihren Themen zu nehmen, anstatt eines von meinen eigenen konstruierten Beispielen, die garantiert funktionieren. Ich bevorzuge einen improvisierten Kurs, bei dem ein Student am Computer sitzt und nach Literatur für sein Thema sucht. Unterdessen helfen wir ihm alle mit Ideen und Vorschlägen, wie z.B. welche Suchwörter oder welche Datenbanken vielleicht bessere Ergebnisse bringen würden. Diese 'Improvisations-Methode' reflektiert besser ihren eigenen Lernprozeß. Die Sitzungen fließen freier, sind interaktiv und alle Antworten werden als wertvoll betrachtet.

Hinter der Improvisation steckt aber eine sorgfältige Vorbereitung. Ich bespreche im voraus mit den Lehrern, welche Vorgehensweise ihren Studenten am meisten nützen würde. Ich befolge den festen Grundsatz, nicht die ganze Stunde alleine zu bestreiten, sondern kleine Gruppen an einer Sache arbeiten zu lassen oder verschiedene Studenten ihre Suchen vor der Klasse durchführen zu lassen. Ich mag es überhaupt nicht langweilig zu sein, sondern würde dann eher ein aktuelles Thema ausarbeiten. Das läßt mich aktiv mitdenken und beteiligt mich am Suchprozeß.

Ich sehe den Unterricht als eine Art Performance an. Wie eine Klavierspielerin oder eine Sängerin habe ich zwar im voraus geübt und geübt, aber nach und nach gemerkt, daß der Erfolg mehr von meiner Ungezwungenheit abhängt als von irgendetwas anderen. Nach einem intensiven Studium der Theorie, der Praxis und der Übungen sowie des kritischen Denkens versuche ich die Theorie in pragmatischen Häppchen anzuwenden. Kein Bibliothekskurs kann alles enthalten, was man wissen muß, um alles zu einem Thema finden zu können. Die Arbeit mit dem Studenten erstreckt sich aber über vier Jahre, was ein gewisse Kontinuität und Entwicklung von kritischem Denken ermöglicht. Nachfolgende Kurse führen den Lernprozeß weiter und an der Auskunftstheke kann man im Dialog mit dem Student noch mehr auf die Details des jeweiligen Suchthemas und der benötigten Quellen eingehen.

Die Performance ist ein Teil des Angelhakens, durch den der Student zurück in die Bibliothek, zurück zu den Datenbanken und - natürlich auch - zurück zu mir gebracht werden soll. Einfach nur eine Frage zu stellen, ist für viele Studenten bereits der schwierigste Teil dieses ganzen Prozesses.

Um die Ideen dieses Artikels zusammenzufassen: Als Bibliothekarin und Lehrerin motiviere ich die Studenten durch Humor und Begeisterung. Ich halte die von den Studenten zu lernenden Konzepte einfach aber für ihr jeweiliges Seminar relevant. Ich erarbeite die Suchstrategien während des Kurses und freue mich tatsächlich, wenn sie anfangs nicht funktionieren. Ich versuche meine Studenten dazu zu provozieren, über "Antworten" und "Authorität" nachzudenken und sie gleichzeitig in ihrer Phantasie und ihrer Leidenschaft für Entdeckungen in Studium und Forschung zu bestärken. Dies sind hohe Ansprüche und natürlich klappt es nicht in jedem Kurs und mit jedem Studenten. Aber wenn es gelingt, eine Verbindung zwischen den Studenten und den Informationsressourcen herzustellen, dann ist Unterricht wirklich spannend und lohnend.

Susan Barnes Whyte

aus: College & Research Libraries News. März 1996:138-141

(Übersetzt von Liisa Salmi, Kuopio, Finland, und Oliver Obst)