Arbeitsfeld wissenschaftliches Bibliothekswesen - ein Erfahrungsbericht aus Ausbildung und Praxis

Dr. Oliver Obst
Ein Vortrag über das Fachreferat im Rahmen der Veranstaltung "Arbeitsfelder für Naturwissenschaftler" des Arbeitsamts Münster am 5.11.1996

Sehr geehrte Damen und Herren, guten Abend!

Wir haben heute Abend gut zwei Stunden Zeit, doch keine Sorge, ich werde nicht die ganze Zeit über den Beruf des Bibliothekars berichten, sondern nur kurz - vielleicht eine halbe Stunde lang - etwas über meinen Werdegang, Berufsverständnis und die Inhalte meiner Stelle erzählen, damit Sie sich überhaupt etwas unter dem Berufsbild "Wissenschaftlicher Bibliothekar" etwas vorstellen können. Bitte nutzen Sie die dann hoffentlich reichlich vorhandene Zeit nach meinem Vortrag zu Fragen!

Von der Biologie zum Bibliothekar, von der "Lebenswissenschaft" zum staubtrockenen Verwalter toter Bücherschätze - ist das nicht ein weiter Weg, ja ein zu weiter? Daß sie hier sitzen und sich als Naturwissenschaftler offenbar für diesen Beruf interessieren, und daß ich hier als naturwissenschaftlicher Bibliothekar vor ihnen stehe, beweist offensichtlich das Gegenteil.

Beruflicher Werdegang

Ich werde ihnen als Beispiel aus der Praxis kurz etwas über meinem eigenen Werdegang erzählen. Ich habe 1984 mein Diplom in Biologie gemacht und - da ich als Diplom-Biologe keine Stelle gefunden hatte - eine Promotion angeschlossen. Ich fand eine Stelle an einem medizinischen Institut, mein Doktorvater war Mediziner, und nebenher war ich in der Studentenausbildung und in der klinischen Forschung - was mir nachher bei der Stellensuche sehr geholfen hat. Nach der Promotion fing die frustrierende Stellensuche wieder an. Nach der ersten Absagen erinnerte ich mich an den Hinweis des Berufsberaters vom Arbeitsamt, man könne auch Bibliothekar werden. Und da ich nach jedem Strohhalm griff, bewarb ich mich auch am Fachbereich Bibliothek- und Informationswesen(FBI) der Fachhochschule Köln, damals noch Fachhochschule für Bibliothekswesen in Köln.

Ich hatte schon längst die Illusion verloren, nur in der wissenschaftlichen Forschung mein Heil bzw. meinen Arbeitsplatz finden zu können. Nach den Stellenangeboten zu urteilen, schien eine längerfristige Arbeitsstelle in der Forschung so wahrscheinlich wie ein Lottogewinn zu sein.

Wie es der Zufall so wollte, bekam ich gleichzeitig die Zusage einer Pharma-Firma für eine Stelle im Informationsbereich und die des FBI für einen Ausbildungsplatz! Jetzt war guter Rat teuer. Alle rieten mir davon ab, Bibliothekar zu werden, besonders aber diejenigen, die selber Bibliothekare oder Buchhändler waren: "Du machst dich unglücklich, langweilst dich zu Tode, verschwendest deine Talente, verdienst einen Hungerlohn, geh' lieber in die Industrie." Zum Entsetzen aller entschied ich mich dann aber doch fürs Bibliothekswesen (was ich übrigens bis heute keine einzige Minute bereut habe).

Meine Ausbildung (wird seit einigen Jahren nicht mehr angeboten)

In NRW bewerben sich jedes Jahr ca. 300-400 Hochschulabgänger um 10 Ausbildungsplätze beim FBI in Köln. Während dies zu meiner Zeit (1991) noch hauptsächlich Geisteswissenschaftler und nur vereinzelt Naturwissenschaftler (hauptsächlich Biologen) waren, hat sich das Verhältnis in den letzten Jahren zu Gunsten der Naturwissenschaftler und Mediziner verschoben.

Ich wußte, daß mich eine Durststrecke von zwei Jahren in Form des Referendariats erwartet. Das Gehalt, das man in dieser Zeit erhält - man ist ja schon Beamter, wenn auch auf Widerruf - reicht hinten und vorne nicht: DM 1.700 für Ledige und DM 2.100 für Verheiratete. Dafür schlaucht einen die Ausbildung nicht so sehr, als das man nicht noch einer Nebentätigkeit nachgehen könnte.

Die Ausbildung teilt sich in ein praktisches Jahr, das man in zwei Bibliotheken seiner Wahl ableistet, und ein theoretisches Jahr, das man in Köln auf der Schulbank verbringt. "Schulbank" ist durchaus wortwörtlich gemeint: Man sitzt mit 20-30 anderen Referendariaren in einer Schulklasse und versucht den Lernstoff soweit zu verinnerlichen, daß man die Klassenarbeiten besteht.

Was hatten wir dort für Unterrichtsfächer? - Ich muß ehrlich gestehen, daß ich das schon wieder vollkommen vergessen habe, denn es hatte mit meiner eigentlichen Tätigkeit später so gut wie gar nichts zu tun. Bibliotheksgeschichte, Bibliotheksrecht, Buchkunde, Formalerschließung, Sacherschließung, Fachinformation, ein bißchen EDV. Ab und an kamen sogar ein paar echte Bibliotheksdirektoren hereingeschneit und berichteten von ihren Leitungsaufgaben. Aber das war dann wieder so soweit von meinem Erfahrungshorizont und dem übrigen Unterrricht entfernt, daß ich damit wohl kaum etwas anfangen konnte.

Momentan ändern sich die Anforderungen an den wissenschaftlichen Bibliothekar man möchte fast sagen stündlich. Denken Sie nur an die elektronischen Medien, die Publikations- und Informationsmöglichkeiten des Internets und die Strukturreform der Universitäten. Die Ausbildung versucht zwar darauf zu reagieren, so daß sich auch hier täglich etwas ändert. Doch bei einem derart rasch wechselnden Umfeld kann die Ausbildung wohl nur einen Rahmen liefern, der einem hilft, die später im Beruf geforderten Fähigkeiten selber zu erlernen.

Es muß an dieser Stelle deutlich gesagt werden, daß kein Arbeitsplatz nach dem Ende der Ausbildung garantiert ist! Man ist während der zweijährigen Ausbildung Beamter auf Widerruf und wird danach aus dem Staatsdienst entlassen. Man muß sich also anschließend selber um eine Stelle kümmern!

Die enorme Auswahl vor der Ausbildung hat den Vorteil, daß eine starke Selektion schon am Anfang stattfindet und es auf dem Stellenmarkt dadurch z.Zt. noch etwas besser aussieht als bei meisten anderen naturwissenschaftlichen Berufen. Trotzdem sind auch hier die Zeiten vorbei, wo man froh war, wenn sich überhaupt jemand auf eine Stelle im naturwissenschaftlichen Fachreferat meldete. Natürlich kommt es auch auf die Fachrichtung an. Juristen, Wirtschaftswissenschftler und Ingenieure haben es wesentlich leichter als Biologen, später eine Stelle zu finden. Nach eigenen Aussagen wählt der FBI nur diejenigen Bewerber aus, für die auch ein Bedarf in Nordrhein-Westfalen besteht. Trotzdem steht man natürlich nachher gegen die Konkurrenz aus dem gesamten Bundesgebiet.

Nach der zweijährigen Ausbildung ist man zwar so stark spezialisiert, daß es nur 1 bis 2 Stellen an jeder Universitätsstadt gibt, auf die man sich bewerben kann. Der Vorteil dieser Spezialisierung besteht nicht nur in der geringeren Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt sondern auch darin, daß man ziemlich genau schon im Voraus weiß, wo eine Stelle frei wird, da die Geburtsdaten der allermeisten Fachreferenten in der sog. Grünen Bibel, dem "Jahrbuch der Deutschen Bibliotheken" zu finden sind.

Die neue Form der Ausbildung in NRW ist ein - unbezahltes - Zusatzstudium, nähere Infos bei Frau Scholle (s.u.)

Tätigkeit als wissenschaftlicher Bibliothekar

Direkt nach dem Ende der Ausbildung konnte ich meine Stelle hier an der ULB Münster als Fachreferent für Chemie anfangen. Man muß damit rechnen, daß man als Naturwissenschaftler in allen Bereichen (einschließlich den Naturwissenschaften) eingesetzt werden kann. Es kommt nicht so sehr darauf an, ein Fachgebiet, das man als Bibliothekar betreut, auch wirklich studiert zu haben - man wird ja als Bibliothekar sowieso nicht mehr wissenschaftlich arbeiten. Vielmehr gilt es, sich in die Person des Studenten/Wissenschaftlers hineinversetzen zu können, und aus dieser Perspektive die jeweiligen Informationsbedürfnisse besser erkennen, verstehen und befriedigen zu können.

Die traditionellen Aufgaben eines Fachreferenten sind schnell aufgezählt:

Während man je nach Etat mehr oder weniger Bücher kaufen kann, legt man sich mit einem Zeitschriftenabonnement auf Jahre hinaus fest. Deshalb ist hier eine Absprache mit den Professoren des Fachbereichs noch wichtiger als bei den Büchern. Gerade auch in Zeiten knapper Kassen ist eine wichtigsten und heikelsten Aufgaben des Fachreferenten die Koordination und Abbestellung von Zeitschriften. Bei der gegenwärtigen Finanzmisere kann es sich keine Universität mehr leisten, an den Instituten und an der Universitätsbibliothek dieselben Zeitschriften doppelt zu halten.

Bei den Büchern ist es schon einfacher, da sie keine laufenden Kosten verursachen. Meist sorgt die UB für die Bereitstellung der Grundlagenliteratur - auch in Form der Lehrbuchsammlung (80-90% der Benutzung entfällt auf Studenten), aber auch darüber hinaus -, während die Institute die Spezialliteratur kaufen.

Neben der Betreuung der Fachreferate ist man für bestimmte Abteilungen verantwortlich, man übernimmt also Verwaltungsaufgaben. Die kann z.B. die stellvertretende Leitung der EDV-Abteilung sein, wie in meinem Falle, aber auch die Leitung ganzer Teilbibliotheken. Dies macht dann natürlich einen viel größeren Anteil an der Arbeit aus als das reine Buch-Handling. Für diese Leitungs- und Führungsaufgaben wird man - natürlich, möchte man fast sagen - überhaupt nicht ausgebildet, obwohl es doch später zu den wichtigsten Dingen gehört. Ich habe deshalb vor der Übernahme der Leitung der Zweigbibliothek Medizin ein entsprechendes Fortbildungsseminar besucht.

Neben meiner Aufgabe, den Leiter der EDV-Abteilung zu vertreten, führte ich umfangreiche Mitarbeiterschulungen in WordPerfect, CD-ROM-Datenbanken und Literaturverwaltungsprogrammen durch. Ich arbeitete mich ins Internet ein, bot auch dafür Schulungen an und gestaltete ab 1994 die Homepage und das Internetangebot der Universitätsbibliothek.

Daneben führte ich zwei Umfragen zur Internetnutzung unserer Benutzer durch und veröffentlichte die Ergebnisse paralell in einer Zeitschrift und im Internet. Diese letzteren Aktivitäten bestimmen nicht nur zusehends das Berufsbild des Fachreferenten, sondern sind auch abwechslungsreich und überaus spannend.

Zahlreiche meiner Aktivitäten mündeten in Veröffentlichungen in Fachzeitschriften und in Vorträgen auf diversen Bibliothekskongressen im In- und Ausland, so daß die Unkenrufe, der Job wäre zu langweilig für mich, sicher nicht zugetroffen haben. Im Gegenteil, diesem Beruf habe ich es zu verdanken, daß ich in den letzten drei Jahren eine Vielzahl von Menschen in der ganzen Welt kennengelernt habe.

Neben den reinen Fachreferententätigkeiten, die nun nicht mehr auf gedrucktes Material beschränkt sind, und den Verwaltungs- und Leitungsaufgaben bin ich in diversen bundesweiten Arbeitsgruppen daran beteiligt, neue (elektronische) Dienstleistungen für unsere Klientel zu entwickeln. Das Berufsbild des Bibliothekars wird sich durch diese neuen Dienste grundlegend verändern, so daß man in Zukunft eher von einem "Information Professional" sprechen muß. Der liebliche Geruch alter verstaubter Bücher wird dann nur noch ein Relikt der Vergangenheit sein...

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Dr. Oliver Obst

<obsto@uni-muenster.de>

P.S. Die Ausbildungsleiterin der ULB ist z.Zt. Frau Dr.Scholle. Sie erreichen Sie unter der Telefonnummer 0251/83-24063 oder per Email: scholul@uni-muenster.de.